Bäcker-Historie

Bäcker-Historie

Eine Bäcker-Geschichte mit starken Frauen

Bäckerei Siemank, um 1890. Vor dem Haus in Arbeitskleidung vermutlich Ernst Siemank.

Bäckerei Siemank, um 1890. Vor dem Haus in Arbeitskleidung vermutlich Ernst Siemank.

Die Anfänge 1865 – 1893: Ernst Siemank, Hoflieferant

Über die frühesten Ursprünge der Bäckerei Siemank geben uns die zugänglichen Quellen keine Auskunft – die ersten sieben Jahre der Tätigkeit von Bäckermeister Ernst Georg Siemank bleiben wohl für immer im Dunkel der Geschichte. Seine Bäckerei wurde 1865 gegründet. So besagt es die Inschrift an der Hausfront Uferstraße 24 aus den Jahren nach 1900 »Backhaus, gegr. 1865«, zu sehen auf einem Foto aus dieser Zeit.

Wo das Backhaus gegründet wurde, ist bisher nicht bekannt. Erst sein Nachfolger Georg Siemank ließ die Werbeschrift mit dem Gründungsjahr »1865« anbringen. Vermutlich übte Ernst Georg Siemank – so sein voller Name – bereits vorher das Handwerk an anderer Stelle aus. Im Grundbuch ist eingetragen, dass am 3. Dezember 1872 der Bäckermeister Ernst Georg Siemank das Grundstück, heute Laubegaster Ufer 24, für 4.050 Mark kaufte.


Backhaus, Conditorei und Café Siemank vor 1900

Backhaus, Conditorei und Café Siemank vor 1900

Das erste überlieferte Foto stammt aus der Zeit um 1890, über dem Eingang ein Schild mit der Ziffer 65. Der Verkauf erfolgt noch durch ein Fenster. Neben seiner Verkäuferin steht wahrscheinlich Ernst Siemank.

Die Bäckerei muss bald schon einen guten Ruf gehabt haben. Überlieferungen der Familie berichten, dass sie Hoflieferant in Pillnitz war. Richard Wagner soll bei einem Besuch Graupas mit seiner Familie 1881 auf der Durchreise bei ihnen eingekauft haben.

Ernst Siemank, Bäckermeister seit 1865 wurde am 22. Dezember 1840 geboren und verstarb am 24. August 1908. Er war verheiratet mit Ida Auguste Wilhelmine geb. Wagner (* 3. 12. 1843 – † 26. 3. 1915). Das Sterberegister der Kirchgemeinde Leuben gibt auch Auskunft über die Kinder des Ehepaars: Sohn Ernst Georg, genannt Georg, wurde Ernsts Nachfolger, den zweiten Sohn Max nennt das Adress­buch von Laubegast 1913 als Kaufmann.

1892 ließ Ernst Siemank das Nachbargebäude Uferstraße 23 abreißen und errichtete an dessen Stelle ein neues, größeres Gebäude, das heute noch seine Wetterfahne trägt.


Georg Siemank mit seinem Personal am 29. August 1900.

Georg Siemank mit seinem Personal am 29. August 1900.

Ausbau, Café und Weinschank 1893 – 1907: Georg Siemank

Ernst Georg Siemank – Rufname Georg – wurde ebenfalls Bäckermeister. Ernst Siemank verkaufte die Bäckerei 1893 an den 27 Jahre jüngeren Sohn. Dieser stellte drei Jahre später, am 6. Juli 1896, Bauanträge zu einer bedeutenden Erweiterung des Hauses und im Oktober 1897 zum Anbau des Cafés.

Georg vergrößerte das Haus an der rechten Seite und baute an der Nehrhoffstraße (heute Zwintscherstraße) das Café an, das kurze Zeit später mit einem Weinrestaurant aufgestockt wurde.


Conditorei, Cafe und Weinstuben Siemank, nach 1900. In den Fenstern oben: Wein­stuben Georg Siemank.

Conditorei, Cafe und Weinstuben Siemank, nach 1900. In den Fenstern oben: Wein­stuben Georg Siemank.

In der »Elbgaupresse« vom 1. Mai 1900 findet man die Nachricht: »Herr G. Siemank hier hat neben seinem bereits bestehenden Cafè ein komfortabel eingerichtetes erstklassiges Weinrestaurant errichtet, dessen Eröffnung morgen erfolgt.«

Georg Siemank wurde nur 40 Jahre alt: Geboren am 8. August 1867, starb er bereits am 9. März 1907. Er war verheiratet mit Maria Anna geb. Bossack (* um 1870 – † 17. Juni 1945). Im Trauregister der Gemeinde Leuben ist im Mai 1893 das Aufgebot zur Hochzeit so eingetragen: »Anna, aus Schandau, ist die Tochter von Gustav Friedrich Bossack, Buchbinder.«

Georg und Anna Siemank hatten vier Kinder: Käte, Erich, Johannes (genannt Hans) und Anna, die noch als Baby 1896 – einen Tag vor Heilig­abend – im Alter von 2 Monaten und 25 Tagen verstarb.


Personal von Anna Siemank (Mitte) vor ihrer »Bäckerei und Conditorei«, nach 1907.

Personal von Anna Siemank (Mitte) vor ihrer »Bäckerei und Conditorei«, nach 1907.

Die erste der »starken Frauen« der Familie – Anna Siemank

Anna Siemank führt die Bäckerei nun allein weiter – 23 Jahre lang, bis 1930. An die Fassade ließ sie den Zusatz malen: »Inhaberin Anna verw. Siemank«. Eine schwere Belastung für die Mutter von drei Kindern. Dass sie die Kraft dafür aufbrachte, ist aus dem lebensfrohen und energischen Ausdruck ihrer Porträts ablesbar. Die Weinstuben wurden an andere Pächter vergeben.


Siemank’s Weinstuben Laubegast mit Billard im 1. Obergeschoss

Siemank’s Weinstuben Laubegast mit Billard im 1. Obergeschoss

Von der Weinstube mit Billard zum Café am Elberadweg

Als Pächter der Weinstuben firmierte vor 1920 Max Gröger mit einem »Strand-Café Siemank« und um 1920 bis 1932 Inhaber Anton Völkel unter »Siemanks Weinstuben Laubegast«. Von ihm stammen die oben abgebildeten Interieuraufnahmen der Gaststube und des Billardzimmers in einer für die damalige Zeit typischen historis­tischen Einrichtung mit üppigen Dekorationen. Ein Klavier gehörte ebenso zum Leben wie üppig geschmückte Geburtstagstische, vor denen Kinder gern posierten.

Um 1933 hatte bereits ein wesentlich moderner Geist mit Jugendstil-Elementen Einzug gehalten. Die aufwändig gestalteten Räume deuten darauf hin, dass es sich um eine beliebte und florierende gastliche Stätte handelte.


Johannes (Hans) und Marianne (links), um 1935

Bäcker in der Nazizeit und im Zweiten Weltkrieg: Hans Siemank

Als der braune Ungeist sich bereits über Deutschland ausbreitete, übernahm Max Johannes (genannt Hans) Siemank 1930 die Bäckerei von seiner Mutter Anna. Am 5. November 1897 geboren, war er nun 33 Jahre alt und Bäckermeister wie sein Vater geworden. Hans ließ sich vom nationalsozialistischen Zeitgeist beeindrucken, wurde SA-Mitglied und später Soldat im Zweiten Weltkrieg.

Dieser endete für ihn in russsischer Gefangenschaft, aus der er 1949 so krank zurückkehrte, dass er nur noch als Hilfskraft geeignet war. Eine Rettungstat für ein Kind, das er 1954 aus der Elbe holte, wurde ihm schließlich zum Verhängnis: Ein Jahr später starb er an einer Folgeerkrankung.

Wieder war die Bäckerei auf starke Frauenhände angewiesen …


Der Umbau 1964 beginnt, der Turm wird zurückgebaut.

Der Umbau 1964 beginnt, der Turm wird zurückgebaut.

Verfall und Umbau bis 1965 –
eine schwere Zeit hinterlässt Spuren

Hans Siemank hatte Marianne Karoline geb. Jung am 16. Juni 1924 geheiratet. Ihre Kinder nannten sie Annemarie und Renate, letzere geboren am 14. Juni 1931.

Marianne und die 24-jährige Tochter Renate führten dann gemeinsam ab 1955 die Bäckerei, unterstützt von einem Fremdmeister names Hans Weise. Renate hatte Karl-Heinz Wiederhold (1926 – 1996) geheiratet und im Mai 1954 den Sohn Carsten zur Welt gebracht.


Renate Wiederhold geb. Siemank mit Ehemann Karl-Heinz und Sohn Carsten, 1965

Renate Wiederhold geb. Siemank mit Ehemann Karl-Heinz und Sohn Carsten, 1965

Eine schwere Zeit war das für die Bäckermeisterswitwe und die junge Mutter, in der die Erträge der Bäckerei nicht ausreichten, um die aufwändige Bausubstanz aus Vorkriegszeiten zu erhalten. Das Gebäude verfiel mehr und mehr. Vor der 100-Jahr-Feier des Unternehmens entschied sich die Familie zu einer mit dem Rückbau aller historischen Schmuckelemente verbundenen Sanierung – aus heutiger Sicht verständlich, wenn auch bedauerlich.

Die Bäckerei erhielt neuen geschäftlichen Schwung, als Renates Sohn Carsten, vorher im Restaurant »Newa« als 1. stellv. Küchenleiter tätig, 1985 das Geschäft übernahm, nachdem er ab 1982 von Hans Weise eingearbeitet worden war. Mit ihm kam die vierte wichtige Frau in die Bäckerfamilie: Seine Frau Bärbel geb. Fröhlich (*1959).


Bärbel Wiederhold geb. Fröhlich (Mitte) – mit einem fröhlichen Verkaufsteam im 2015 eröffneten Café in Dresden-Reick

Bärbel Wiederhold geb. Fröhlich (Mitte) – mit einem fröhlichen Verkaufsteam im 2015 eröffneten Café in Dresden-Reick

Politische Wende

Mit der friedlichen Revolution 1990 kehrte auch in das Bäckerei-Unternehmen Siemank die unternehmerische Freiheit zurück. Das Ende der Mangelwirtschaft ermöglichte es Carsten Wiederhold und seinem Team, das Stammhaus zu renovieren und erste Filialen – 1994 auf der Florian-Geyer-Straße, von 2004 bis 2009 in der Kaufhalle Rennplatzstraße und 1996 am »Gutshof Hauber« an der Wehlener Straße zu eröffnen.

Das Café am Elberadweg in Laubegast erhielt mit einer neuen Espressomaschine ein erweitertes Angebot an Kaffeespezialitäten.
»Was Feines von Siemank« wurde zum übergreifenden Werbeslogan für die Produkte aus Bäckerei, Konditorei und Café.

Und: Mit den Kindern Christiane (*1983) und Norbert (*1985) wuchs die nächste Generation der Bäcker­familie heran.